Warum Change Management die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist

04.07.18

Digitale Transformation

Digitale Transformation, Industrie 4.0 – seit Jahren prasseln die unterschiedlichsten Buzzwords auf Unternehmen und deren Entscheider ein, und suggerieren: wer nicht agiert, verliert. Und tatsächlich ist die Digitalisierung die Entwicklung unserer Zeit.

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Digitalisierung ist ein Change Prozess

Die Digitalisierung entscheidet darüber, ob man sich einen signifikanten Wettbewerbsvorteil verschaffen kann, ober ob möglicherweise sogar das eigene Geschäftsmodell ins Wanken kommt und man zur Compact Disk 2.0 oder zur Videothek 3.0 wird. Und gerade, weil den Unternehmen die Gefahren verschlafener Entwicklungen mittlerweile wohl bewusst sind, grassiert ein oftmals unkoordinierter Aktionismus, der im Ergebnis dennoch mutlos bleibt. Denn die bloße Installierung eines CDOs macht noch lange keinen Erfolg. Man merkt: der Markt ist vor allem durch Angst und Unsicherheit geprägt – und das war noch nie ein guter Nährboden für Inspiration und Innovation. Dabei vergessen viele: die Digitalisierung ist kein neuer Zeitgeist, sondern begleitet uns bereits seit mehreren Jahrzehnten. Und als solcher Change Prozess sollte sie auch verstanden werden. Doch wie bei allen Prozessen ist der Erfolg davon abhängig, ob sie richtig gemanagt werden. Und hier lauert die eigentliche Herausforderung. Ein kluges Change Management knüpft vor allem an zwei Punkten an: Der Schaffung von Unternehmensstrukturen, die agile Arbeitsprozesse als Grundlage für Veränderung zulassen und dem konsequenten Einsatz neuer, zeit- und ressourcensparender Technologien. Die gute Nachricht dabei: Das ist kein Hexenwerk und auch keine Frage des Alters. Wer die Diskussion rund um Industrie 4.0 & Co. verfolgt, merkt, dass insgesamt mehr über Disruption geredet wird, anstatt selbst User Cases zu schaffen. Dennoch darf man nicht vergessen: viele Unternehmen sind bereits heute viel digitaler, als sie selbst glauben und so manch durch und durch analoges Geschäftsmodell wird auch in 30 Jahren noch analog funktionieren, die Friedhofsgärtnerei zum Beispiel oder der Kiosk im Schwimmbad. Dennoch tun, um langfristig erfolgreich zu sein, wirklich alle gut daran, zu bedenken, was die Währung der Zukunft sein wird und wie man das Gold der postindustriellen Gesellschaft – die Daten – am besten erschließt, für sein Geschäftsmodell nutzt bzw. sein Geschäftsmodell frühzeitig modifiziert.

Hinderliche Unternehmensstrukturen einreißen

Ein grundsätzliches Problem, das Innovation und Veränderung bremst, ist das nachhaltige Gefangensein vieler Unternehmen in archaischen Strukturen. Wo klassische Hierarchien herrschen, kann sich die nötige Fähigkeit, sich selbst, aber auch Prozesse zu hinterfragen, kaum ausbreiten. Anstatt agile Prozessmethoden, wie Scrum, über alle Arbeitsebenen einzuführen, werden klassische Hierarchieebenen weiter gepflegt. Weit verbreitet ist zum Beispiel die Schaffung neuer Positionen wie die von CDOs oder Heads of Digitalization, was aber bereits zeigt, das weite Teile des Unternehmens von wichtigen Prozessen ausgeklammert werden. Das unterbindet eine essentielle Innovationskultur, aber auch eine weitere wichtige Voraussetzung für Fortschritt und die Einführung digitaler Use Cases: nämlich, sich selbst Fehler, sogar ganze Fehlerketten, zu erlauben. Deshalb kann ich nur raten: habt Mut zur echten Veränderung! Denn solche archaischen Strukturen setzen sich in der Regel sogar bei der Beauftragung von Dienstleistern fort, die den Wandel eigentlich herbeiführen sollen. Aber anstatt Anbieter der Praxis zu wählen, werden internationale Strategieberatungen ins Boot geholt, die den Herausforderungen der digitalen Transformation meist ebenso neu gegenüberstehen wie die Unternehmen selbst und in denen hierarchischem Vorgehen, PowerPoint-Hochglanz und Buzzwords mehr Wert beigemessen wird als echte Praxiserfahrung. Was Unternehmen heute brauchen ist Bodenhaftung, gerade in einer digitalisierten Welt. „Blue Collar Thinking in a White Collar World“. Auf Dienstleisterebene heißt das, eher die Nerds zu beauftragen als die klassischen Berater und hands-on zu agieren statt in der Theorie verhaftet zu bleiben. Gerade deshalb sind agile Entwicklungsprozesse und eine gesunde Fehlertoleranz heute elementarer Bestandteil von Fortschritt. Auch, um die Experten von morgen an sein Unternehmen zu binden. Dazu gehört es aber auch, die nötigen Arbeitsvoraussetzungen für die digitale Generation von morgen zu schaffen. Denn während sich die Generation Y in klassisch hierarchisch geprägten Unternehmensstrukturen kaum noch wohl fühlt, werden solche Arbeitgeber von der Generation Z nicht einmal mehr wahr genommen. Doch wo es an der nötigen Workforce fehlt, an Menschen, die ihr Verständnis von Innovation in Unternehmen einbringen können, kann auch kein Fortschritt stattfinden. Ergo: Kollaboratives, modernes Arbeiten und Unternehmertum im Kleinen, einschließlich der Option zu scheitern, sollten heute zur Tagesordnung gehören. Diesen Zeitgeist wird man nicht mehr umkehren, deshalb ist es wichtig, frühzeitig den Bedarf zu erkennen und die nötigen Veränderungen herbeizuführen. Das schließt auch die Arbeitsumgebung ein. Bieten die Büros mit Begegnungsflächen oder hierarchiebefreiten Open-Space-Lösungen buchstäblich Raum zur Entfaltung und zum Austausch mit Kollegen, oder setzen sich verstaubte Strukturen auch in der Innenarchitektur fort?

Potenzielle Workforce-Fresser identifizieren

Ein weiterer wichtiger Punkt, an dem die Digitalisierung bei vielen Unternehmen ebenfalls hakt, ist, dass anstatt das große Ganze in Angriff zu nehmen, was durchaus auch wichtig ist, Änderungen auf Office und Verwaltungsebene vorzunehmen. Stichwort Business Intelligence: Gerade in Fachbereichen wie der kaufmännischen Abteilung oder dem Controlling werden heute Unmengen an Arbeitszeit verschwendet, ganz einfach, weil Arbeitsprozesse, die von zeitgemäßer Softwaren in Sekundenbruchteilen erledigt werden können, immer noch analog und buchstäblich manuell vollbracht werden. Dies betrifft zum Beispiel Prozesse wie die Fakturierung, die heute nahezu in jedem Unternehmen vollautomatisiert umgesetzt werden kann, einschließlich Mahnwesen. Unserer Erfahrung nach sind Backoffice-Themenfelder davon besonders stark betroffen, in der Regel wird hier 50% der Workforce gar nicht bzw. falsch genutzt. Das heißt übrigens nicht, dass Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet. Im Gegenteil: sie schafft Kapazitäten für das Wichtige, nämlich produktive Arbeit und Ideen für das Business von morgen. Wie Arbeitswelten von morgen aussehen können, welche Themen von Internet of Things bis hin zu Collaboration und künstliche Intelligenz uns morgen bewegen, zeigen wir z. B. in unserem Digital Innovation Lab in Stuttgart. Es soll buchstäblich den Horizont erweitern und die Kraft der Veränderung veranschaulichen. Dass Veränderung dabei nicht Gefahr, sondern Chance ist, und zwar für uns alle, ist die Erkenntnis, die für alle am wichtigsten ist. Vom CEO über den Abteilungsleiter bis hin zum Sachbearbeiter.

Autor

Mark Zimmermann

Geschäftsführer

Mark Zimmermann studierte Informatik und BWL. Nach seinem Abschluss begann er 1997 als Consultant bei einer IT-Beratung. 2000 wechselte er ins Management und baute eine Business Unit für BI im Financial Services-Umfeld auf. Ende 2004 gründete er INFOMOTION mit dem Ziel, ein unabhängiges Beratungshaus für BI-Lösungen aufzubauen. Für die unternehmerische Leistung wurde ihm 2011 der Preis „Entrepreneur des Jahres“ verliehen.

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