PROCESS MINING FÜR DEN EINKAUF IN BEKLEIDUNGSUNTERNEHMEN

07.03.19

Process Mining

Untersuchung des Einsatzes von Process Mining im Einkauf von Bekleidungsunternehmen zur Analyse und Optimierung von Prozessen entlang der Lieferkette. Ergebnisse einer Abschlussarbeit im Studiengang "Textile Chain Research".

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Status Quo der Textil- und Bekleidungsindustrie

Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie steht momentan vor vielen Herausforderungen. In den Jahren 2016 und 2017 gerieten allein sieben deutsche Traditionsunternehmen, unter ihnen Basler, Wöhrl und Biba, in die Insolvenz. Anfang des Jahres traf es das Modelabel Gerry Weber, das einen Insolvenzantrag beantragte. Während diese Unternehmen sich in den vergangenen Jahren um den kostenintensiven Ausbau ihres stationären Vertriebsnetzes bemühten, verschob sich der Umsatz im Bekleidungshandel zunehmend in Richtung Online Handel. Bekleidungsunternehmen, wie Puma, Adidas oder Pure Player, wie Zalando, investierten hingegen in eine erfolgreiche Mehrkanal-Strategie sowie eine individualisierte Kundenansprache und treiben den digitalen Wandel weiterhin voran. Denn die neuen Vermarktungsstrategien und Vertriebskonzepte setzen neue Geschäftsprozesse und -modelle voraus. Eine effizientere Steuerung und Überwachung der Lieferkette sind dabei essentielle Aufgaben, um Kosten zu senken und Prozesse zu optimieren.

Die neue Rolle des Einkäufers

Einkauf in Bekleidungsunternehmen gewinnt zunehmend an strategischer Bedeutung. In enger Zusammenarbeit mit Design, Produktentwicklung, Merchandise Management und Controlling erweist sich die Wertschöpfungskette zunehmend als zentrale Schnittstelle, um die Lieferkette effizienter zu gestalten und zu koordinieren. Konkret bedeutet dies, die Komplexität der Einkaufsprozesse zu reduzieren und eine durchgängige Transparenz über laufende Prozesse zu erzielen. Zwar sind operative Einkaufsaktivitäten zum Großteil bereits digital automatisiert, dennoch durchlaufen Beschaffungsprozesse eine Vielzahl an Verantwortungsbereichen und IT-Systemen. Eine Systemlandschaft, die den Einkaufsprozess in allen Facetten vollständig abdeckt, wird dabei als wesentlicher Hoffnungstreiber im Einkauf gesehen, um die Digitalisierung des Prozessmanagements der Lieferkette weiter voranzutreiben und deren komplexe Abläufe zu minimieren. 

Digitalisierung des Prozessmanagements mit Process Mining

Die Process Mining Technologie ermöglicht die systemübergreifende Auswertung von Echtzeitdaten und die Visualisierung von Prozessketten. Auf Basis eines Ereignisprotokolls kann die Analysemethode mit Hilfe moderner Mining-Algorithmen einen interaktiven Prozessgraphen erstellen. Somit können Abweichungen, Schleifen oder zeitliche Verzögerungen im Prozess zuverlässig erkannt werden.

Das Ziel meiner Bachelorarbeit ist, den Einsatz von Process Mining im Einkauf von Bekleidungsunternehmen zu untersuchen, um Prozesse entlang der Lieferkette mit der noch recht jungen Forschungsdisziplin zu analysieren und zu optimieren. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich dazu Experten aus der Bekleidungsbranche befragt. Ein Großteil dieser sind Business Process Manager aus dem Einkauf und Experten aus dem Process Mining Umfeld, die bereits mehrere Process Mining Projekte in unterschiedlichen Branchen begleitet haben. 

Die größten Herausforderungen beim Einsatz der datengetriebenen Prozessanalyse in Bekleidungsunternehmen ergeben sich bei der Datenerhebung. Vor allem kleine und mittelständische Bekleidungsunternehmen besitzen oftmals keine standardisierten oder historisch gewachsenen Systeme, wodurch der Aufwand der Datenmodellierung wesentlich höher eingeschätzt wird. Zudem wird bei der Abwicklung von Einkaufsprozessen in Bekleidungsunternehmen häufig noch auf E-Mail und Excel zurückgegriffen, was einer durchgängigen Digitalisierung des Prozessmanagements entgegenwirkt. Durch die systemübergreifende Transparenz mit Process Mining könnte die Prozessanalyse hierbei helfen, Potentiale zur weiteren Automatisierung zu identifizieren und damit den operativen Einkauf weiterhin zu entlasten. Dazu lassen sich Automatisierungsraten und manuelle Änderungstätigkeiten im System über hinterlegte User ermitteln. Prozesse würden laut den Interviewteilnehmern dadurch nicht nur beschleunigt, sondern auch zuverlässiger in deren Ausführung.

Fazit: Process Mining ist ein Zukunftsthema

Während kleine und mittelständische Bekleidungsunternehmen sich im Moment um den Ausbau ihrer IT-Systeme entlang der Lieferkette bemühen, scheinen große Bekleidungsunternehmen bei der Digitalisierung ihrer Einkaufsprozesse einen Schritt weiter zu sein. Neben ERP-Systemen berichteten die Experten auch vom erfolgreichen Einsatz mehrerer Supply Chain Management Tools, um Transaktionsdaten der Lieferanten zwischen Warenausgang und Wareneingang zu erhalten. Für diese Bekleidungsunternehmen wäre deshalb die systemübergreifende Überwachung der Einkaufsprozesse entlang der Lieferkette interessant. Zeitliche Verzögerungen oder anderweitige Abweichungen in den Einkaufsprozessen werden meist nicht rechtzeitig erkannt, weswegen Entscheidungen häufig als intuitiv und gefühlsgetrieben beschrieben wurden. Process Mining kann durch die gewonnene Objektivität eine daten- und faktenbasierte Grundlage für den Einkäufer schaffen, um auf Veränderungen entlang der Lieferkette frühzeitig und rational zu reagieren.

Die Experten erhofften sich ebenfalls detailtiefe Vergleiche von Warengruppen, Lieferanten oder saisonalen Kollektionen, um einen besseren Überblick über die Entwicklung der Bestände, Retoure und Nachbestückungen zu erhalten. Im Gegensatz zu anderen Branchen wird in der Bekleidungsindustrie nicht auftragsbezogen bestellt, sondern Absatzmengen, insbesondere für modische und hochmodische Ware, vorhergesagt. Aufgrund der hinzukommenden Granularität der Produktarten und der unterschiedlichen Planungszyklen und Sourcingstrategien ergibt sich oftmals eine schwer durchschaubare Komplexität bei der Beschaffungsplanung, die sich zudem über mehrere Verantwortungsbereiche erstreckt. Process Mining könnte somit einen integralen Beitrag liefern, um Einkaufsprozesse aus der Vogelperspektive zu betrachten und mögliche Ineffizienzen in den Teilprozessen zu erkennen.

Eine nachhaltig verbesserte Gestaltung der Lieferkette würde sich laut den Befragten dadurch ergeben, dass Ineffizienzen nicht nur erkannt, sondern Verbesserungsmaßnahmen auch kontinuierlich gemessen werden können. Die Messung prozessualer Kennzahlen in dieser Art und diesem Ausmaß wurde bisher als fehlend beschrieben. Mit Process Mining lässt sich die Überwachung von Prozesskennzahlen einbinden und zeitnah verfolgen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Process Mining ein Zukunftsthema im Prozessmanagement ist und auch im Einkauf der Bekleidungsindustrie Einzug erhalten wird. Die relativ junge Forschungsdisziplin bietet eine Analysemethode, mit der eine prozessuale Perspektive auf die fragmentierte Wertschöpfungskette möglich wird. Der Einkauf erhält eine transparente und objektive Übersicht der Geschäftsabläufe, um ein besseres Verständnis über die realen Prozessketten im Unternehmen zu gewinnen. Damit überwindet die Process Mining Methode einerseits die Grenzen der bisherigen BI-Welt und andererseits die Subjektivität der klassischen Prozessanalyse.

INFOMOTION VIDEOCAST: PROCESS MINING

Podcast Celonis Process Mining

Weiterführende Informationen

Autor

Maria Brand

Werkstudentin

Maria Brand studiert im Master Textile Chain Research und konzentriert sich dabei auf Innovationen in der Informationstechnologie der Textil- und Bekleidungswirtschaft. Nachdem Sie bereits ihre Bachelorarbeit bei INFOMOTION zum Thema Process Mining erfolgreich absolviert hat, unterstützt Sie das Team weiterhin als Werkstudentin.

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