Martin Hofmann über die Agentic Enterprise
Der langjährige Konzern CIO der Volkswagen AG, Investor und Advisor hat kürzlich sein Buch „The Agentic Enterprise – Organizations That Think and Act Autonomously“ veröffentlicht. Im Interview gibt er exklusive Einblicke in sein Buch und teilt Erfahrungswerte sowie seinen Blick auf die Zukunft.
Wir haben dich auf den Data Performance Days als Vordenker und Advokat der „Agentic Enterprise“ kennengelernt – was hat deine Leidenschaft für dieses Thema entfacht?
Es war eine wachsende Überzeugung, dass Unternehmen fundamental anders funktionieren können – und müssen. Ich habe viele Jahre als CIO in großen Konzernen erlebt, wie viel ungenutztes Potenzial in Organisationen steckt. Wir hatten exzellente Menschen, solide Technologie, enorme Datenmengen – und dennoch lagen die Entscheidungen immer noch auf denselben Schreibtischen, in denselben Meetings, mit denselben Verzögerungen. Nicht weil die Menschen nicht gut genug waren, sondern weil das Betriebsmodell des Unternehmens sie administrativ überlastet hat. Und irgendwann war der Gedanke nicht mehr loszuwerden: Was wäre, wenn eine Organisation selbst (autonom) lernen, reagieren und handeln könnte – nicht als Zukunftsvision, sondern konkret und heute realisierbar? Das ist der Kern der Agentic Enterprise. Und das Buch ist mein Versuch, diesen Gedanken vom Konzept in die Praxis zu übersetzen.
Magst du für unsere Leser, die nicht auf den DPDs waren, bitte noch einmal deine Kernbotschaften zusammenfassen?
Der erste Gedanke: Ein „Agentic Enterprise“ ist kein KI-Projekt. Sie ist eine neue Art, ein Unternehmen zu betreiben. Wer das als Technologieinitiative behandelt, wird interessante Demos produzieren und wenig mehr. Der zweite: Agenten übernehmen die Arbeitslast, Menschen behalten das Urteil – aber nur da, wo notwendig. Das klingt einfach, verändert aber alles – weil es bedeutet, dass wir Experten endlich von Routinekomplexität befreien und für echte Entscheidungen einsetzen können. Und der dritte, vielleicht wichtigste: Autonomie ohne Rechenschaft ist keine Transformation, das ist Kontrollverlust. Wer skalieren will, muss zuerst Vertrauensmechanismen und Governance aufbauen. Nicht danach. Zuerst.
Wie beurteilst du die heute schon verfügbaren technologischen Möglichkeiten – sind wir technologisch wirklich so weit, deine Vision umsetzen zu können?
Ja, und ich sage das ohne jede Einschränkung. Die Technologie ist heute weiter fortgeschritten, als die meisten Organisationen bereit sind, umzusetzen. Wir haben Modelle, die nicht nur antworten, sondern auch argumentieren, planen und aus Feedback lernen. Wir haben Orchestrierungsschichten, die Hunderte Agenten koordinieren. Was fehlt, ist nicht Technologie – sondern der organisatorische Mut, echte Entscheidungen zu delegieren. Ich erlebe das ständig: Ein Unternehmen baut einen beeindruckenden Agenten, und dann sitzt der im Approval-Loop eines mittleren Managers, der ihn nie freigibt, weil niemand definiert hat, was der Agent eigentlich darf, welches Ziel er konkret erreichen muss und wie er kontrolliert wird. Die Technologie wartet auf die Organisation. Nicht umgekehrt.
Welche Leuchtturmprojekte hast du bereits gesehen, die deine Zuversicht untermauern?
Die überzeugendsten Beispiele sind dort, wo Unternehmen aufgehört haben zu pilotieren und angefangen haben zu betreiben. Im Energiesektor arbeiten Agenten heute an Netzlastprognose und Anomalieerkennung mit einer Präzision, die menschliche Planung schlicht übertrifft – nicht weil Menschen schlechter sind, sondern weil kein Mensch 40 Variablen gleichzeitig in Echtzeit gewichten kann. In der Logistik navigiert ein Agent Lieferkettenunterbrechungen in Minuten, wofür früher Krisenmeetings nötig waren. Und was mich besonders beeindruckt: In der Private Equity sehe ich erste Systeme, die dem Investment Committee morgens eine kuratierte Portfolio-Risikoanalyse liefern – vollständig nachvollziehbar, mit Quellenangaben, mit Konfidenzwerten. Das sind keine Experimente. Das ist Betrieb.
Wo stehen wir deiner Meinung nach heute in Deutschland bei der Umsetzung?
Technologisch gut aufgestellt. Kulturell noch zögerlich. Wir haben exzellente Ingenieure, eine starke Industrie und ein tiefes Verständnis für komplexe Systeme. Aber wir haben auch eine Entscheidungskultur, die Absicherung über Geschwindigkeit stellt – was lange ein Vorteil war und in dieser Transformation zur Bremse wird. Viele PoCs, die nicht in Betrieb gehen – 90 % –, sind ein Beleg dafür. Was mich wirklich bewegt: Ich spreche mit Vorständen, die die Vision vollständig verstehen, die intellektuell überzeugt sind – und dann doch zögern, den ersten echten Entscheidungsraum an einen Agenten zu übergeben. Das ist kein Wissensproblem. Das ist ein Vertrauensproblem. Und Vertrauen entsteht nicht durch bessere Demos, sondern durch Governance, die Rechenschaft nachweisbar macht.
Wie erklärst du dir dieses Gap zwischen technologischen Möglichkeiten und betrieblicher Umsetzung?
Das Gap sitzt nicht in der IT-Abteilung. Es sitzt in der Unternehmensleitung – aber nicht dort, wo man es vermutet. Es ist kein Wissensproblem, sondern ein Vorstellungsproblem. Viele CEOs fragen sich noch: Was entscheidet dieser Agent? Das ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Wie muss mein Unternehmen aufgestellt sein, damit es auf Signale von innen und außen sofort reagiert, Szenarien prüft, Entscheidungen vorbereitet und sie – wo immer möglich – eigenständig ausführt? Und aus allem, was es tut, kontinuierlich lernt. Wer das verstanden hat, denkt nicht mehr in Projekten. Er denkt in einem neuen Betriebsmodell.
Und genau da liegt das eigentliche Gap. Nicht in der Technologie, nicht einmal in der Governance – sondern in der strategischen Überzeugung. Denn wenn ein CEO diese Vision wirklich teilt, dann folgt der Rest konsequent: Er schafft die Rahmenbedingungen, er bricht die Silos zwischen IT und Business auf, und er fordert von seiner Mannschaft Ergebnisse – keine Piloten, keine Konzepte, keine Folien. Ergebnisse. Das ist der Punkt, an dem Transformation real wird. Und genau dieser Übergang – von intellektueller Zustimmung zur konsequenten Umsetzung – ist das Gap, das ich in den meisten deutschen Konzernen heute noch sehe.
Du sprichst regelmäßig mit C-Levels großer deutscher Unternehmen – was resoniert, wo hängen sie noch?
Was sofort zieht, ist Speed – und zwar nicht als abstraktes Versprechen, sondern als konkreter Wettbewerbsvorteil. Nehmen wir einen Automobilzulieferer: Volumenänderung vom OEM, Rohstoffpreissprung, neue Zolltarife. Heute bedeutet das Wochen – Task Forces, Excel-Sheets, ERP-Abfragen, endlose Abstimmungsrunden, bis irgendwann ein halbwegs konsolidiertes Szenario auf dem Tisch liegt. Zu dem Zeitpunkt hat der Markt sich längst weiterentwickelt. In einem „Agentic Enterprise“ läuft das anders: Das Signal wird erkannt, Agenten prüfen sofort die relevanten Szenarien – Margen, Kapazitäten, Lieferketten, Vertragsrisiken – und legen dem Entscheider in Minuten eine fertige Entscheidungsvorlage vor. Der Mensch entscheidet. Der Agent setzt um. Was früher Wochen dauerte, ist in Stunden erledigt. Das ist kein Effizienzgewinn. Das ist eine andere Qualität von Handlungsfähigkeit.
Was stockt, ist die Kontrollfrage. Ich höre immer wieder: „Was passiert, wenn der Agent falsch liegt?“ Meine Gegenfrage lautet dann: Was passiert heute, wenn ein Mensch falschliegt? In den meisten Fällen weiß es niemand genau, weil es niemand systematisch protokolliert. Ein „Governed Agent“ macht jeden Fehler rekonstruierbar und jeden Lernschritt nachvollziehbar. Das ist nicht weniger Kontrolle – das ist Kontrolle, die endlich beweisbar ist.
Wenn ich als CEO deine Vision teile – wie fange ich an?
Nicht mit Technologie. Und auch nicht mit der Frage, welche Entscheidungen sich automatisieren lassen – das ist Effizienzdenken, kein strategisches Denken. Die Frage, die wirklich zählt, ist eine andere: Wo entsteht für mein Unternehmen ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil, weil es schneller auf Veränderungen reagiert als meine Konkurrenten – nicht in Wochen, nicht in Tagen, sondern in Stunden oder Minuten? Wo verliere ich heute Rennen, die ich eigentlich gewinnen müsste, weil zwischen Signal und Entscheidung zu viel Zeit vergeht?
Das ist der strategische Einstieg. Nicht die Automatisierung von Prozessen, sondern die Fähigkeit des Unternehmens, Signale von innen und außen zu lesen, Szenarien zu prüfen, Entscheidungen vorzubereiten und sie eigenständig auszuführen – und aus allem, was es tut, kontinuierlich zu lernen. Das ist machine speed. Und „machine speed“ ist kein technisches Versprechen. Es ist ein Wettbewerbsvorteil, der sich zusammensetzt aus jedem Zyklus, jeder Entscheidung, jeder Anpassung – während der Wettbewerber noch im Meeting sitzt.
Dann kommt erst die Frage der Umsetzung. Dann baust du die Governance darum auf: einen Decision Contract, der in schriftlicher Form festlegt, was ein Agent entscheiden darf, unter welchen Bedingungen und mit welcher Evidenz. Einen Trust Stack, der Transparenz und Eskalation von Anfang an erzwingt. Und eine klare Botschaft an die Organisation: Wir delegieren Arbeitslast, nicht Verantwortung. Wer diese Grundlage überspringt, hat in 18 Monaten kein Technologieproblem – er hat ein Governance-Desaster.
Was sind aus deiner Erfahrung als langjähriger Konzern-CIO die wichtigsten Erfolgsfaktoren und größten Stolpersteine?
Der entscheidende Erfolgsfaktor ist kulturelle Eigentümerschaft. Nicht im technischen Sinne, sondern im menschlichen: Der Business Owner muss sagen können: „Das ist mein Agent, ich stehe für seine Entscheidungen gerade, ich lerne aus seinen Fehlern.“ Sobald Agenten als IT-Lieferobjekte behandelt werden, die nach Deployment niemanden mehr interessieren, scheitert Skalierung. Der größte Stolperstein ist die Verwechslung von Pilot und MVP 1. Ein Pilot beweist, dass etwas funktioniert. MVP 1 liefert echte Geschäftsergebnisse unter kontrollierten Bedingungen. Diese Unterscheidung klingt akademisch – sie ist existenziell. Und eine Sache, die ich immer wieder sage: Fehlende Daten sind kein Blocker. Sie sind das erste Deliverable. Der Agent deckt auf, was fehlt. Das allein ist bereits ein Ergebnis.
Du hast deine Vision auf über 600 Seiten übersetzt – wen adressierst du und was möchtest du damit erreichen?
Das Buch richtet sich an drei Rollen, die ich das 3CxO-Modell nenne: den CEO, der entscheiden muss, ob und wie schnell seine Organisation diese Transformation angeht. Den CIO und CDO, der für Architektur, Daten und Governance zuständig ist. Und den CHRO, der die Menschen und die Kultur durch etwas führt, das ihre Arbeit fundamental verändert. Diese drei müssen gemeinsam handeln – oder die Transformation bleibt ein Flickenteppich aus guten Projekten ohne strategische Wirkung. Was ich mit dem Buch erreichen möchte, ist konkret: Ein CEO soll es lesen und danach sagen können: Ich weiß, was eine Agentic Enterprise ist, ich weiß, was sie von mir verlangt, und ich weiß, wie ich sie aufbaue. Nicht als Inspiration. Als Bauplan.
Das Gespräch zeigt: IT-Strategie ist weit mehr als ein Dokument. Sie ist ein Transformationsprozess, der Vision, Mission, Operating Model, Architektur, Governance und Sourcing umfasst. Entscheidend ist, dass sie nicht nur auf dem Papier existiert, sondern gelebt wird – mit klaren Prioritäten, Einbindung der Fachbereiche und einer Roadmap, die sofortige Umsetzung ermöglicht.
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Ein Beitrag von:
Martin Hofmann
Investor & Advisor
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